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Osteopathie - eine wichtige Ergänzung unserer bestehenden Diagnose- und Therapie


A. Lamberts

 
   
 

Philosophie der Osteopathie

 
     
 

In unserem Körper werden alle lebens-notwendigen Funktionen ununterbrochen aufeinander abgestimmt. Alles ist in ständiger Bewegung, ohne daß es uns wirklich bewusst wird.


Zu diesen Mobilitäten zählen beispiels­weise: der pulsierende Blutstrom, die rhythmische Atembewegung, die unwillkürliche Arbeit unserer Verdauungsorgane, die Strömung der Körperflüssigkeiten aber auch alle Bewegungen durch Muskulatur, Sehnen, Gewebe und Gelenke. Alles ist eine Einheit. Teilbereiche fügen sich zu einem großen Ganzen.


Sind Bewegungen von Teilbereichen eingeschränkt, dann wird dadurch auch die Funktion z.B. eines ,,Organs" eingeschränkt. Dies bedeutet, eine veränderte Beweglichkeit beeinflusst auch immer die Funktion einer Struktur.


Manchmal führt diese Funktionsstörung zu Anpassungen wie Fehlhaltungen. Die eingeschränkte Funktion kann sich auch auf andere Körperstrukturen ausweiten oder andere Körperstrukturen übernehmen dann diese Funktion. Funktionsstörungen können, aber müssen nicht zu Symptomen wie Schmerzen führen. Möglicherweise gibt es viele Kompensationen (Ausgleichsmechanismen), aber wenig Symptome. Manche Funktionsstörungen haben sich auf viele Bereiche des Körpers ausgeweitet. Dies geht oft solange gut, bis die Ausgleichsfähigkeit des Körpers erschöpft ist. Bei außergewöhnlichen zusätzlichen Bela­stungen wie Streß jeder Art reagiert der Körper heftig. Dann kann es auch an sekundären Körperregionen zu Symptomen kommen. Die Osteopathie zielt auf die vollständige Beseitigung aller Bewegungseinschränkungen.


Sowie diese behoben sind, werden die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert und die normale Funktion der Struktur wird vom Körper wieder hergestellt.


Die Osteopathie leistet also Hilfe zur Selbsthilfe und kann daher gut mit anderen regulativen Therapieverfahren verbunden werden.


 
     
 

Geschichte der Osteopathie

 
     
 

Die Osteopathie ist nicht neu auf dem Markt der Therapiemöglichkeiten. In den USA wurde sie von ,dem Arzt Dr. Andrew Still (1828 -1917) bereits vor über 120 Jahren entwickelt und ist dort, man erwartet es nicht, ein an den Universitäten etabliertes Fach.


Die erste Universität für Osteopathie grün­dete Dr. Still in Kirksville Missouri; um 1900 machte Dr. William Garner Suther­land (1873 - 1954) dort nach sechs Jahren Studium seinen erfolgreichen Abschluß mit dem Titel ,,Doktor der Osteopathie". Beide, Still und Sutherland, sind Väter der Osteopathie. Danach verbreitete sich die Osteopathie im englischsprachigen Raum, besonders in England, wo es auch seit 1917 Osteopa­thieschulen gibt. Seit 1957 wurden Osteopathieschulen auch in Frankreich, sowie im französischsprachigen Raum gegründet.

 
     
     
 

Osteopathie - Dreiteilung

 
     
 

1. parietale Osteopathie: Bewegungseinschränkung (z.B. von Gelenken (Chirotherapie))

 
     
 

2. viscerale Osteopathie: Bewegungseinschränkung von Organen

 
     
 

3. craniosacrale Osteopathie: Bewegungseinschränkung vom Schädel und vom Becken

 
     
 

Erst seit um 1985 hatte die Osteopathie auch den deutschsprachigen Raum erreicht. Ein Teilgebiet der Osteopathie, die Chirotherapie hatte sich schon einige Jahre zuvor etabliert.

 
     
     
 

Ausbildung Osteopathie

 
     
 

Die Ausbildung dauert mindestens sechs Jahre. Es gibt immer wieder Schulen, die es in kürzerer Zeit versuchen. Um jedoch die besondere Sichtweise der Osteopathie zu verinnerlichen, sowie sich das Wissen über kleinste anatomische, embryologische, physiologische und pathologische Besonderheiten anzueignen und die Beherrschung aller Therapietechniken zu erlernen, wird diese Zeit auch benötigt. Allen Orthopäden und Kollegen, die der Meinung sind, Osteopathie lasse sich in Wochenendkursen nebenbei mitnehmen", sei gesagt: auch Sie werden im ,,Vorwort" der eigentlichen Therapie stecken bleiben. Es werden tatsächlich ,,sechs weitere Jahre für diese „Weiterbildung" benötigt.

Das sechsjährige Ausbildungsprogramm besteht in erster Linie aus Anatomie, Embryologie, Physiologie und die Umsetzung der Kenntnisse in spezifische Diagnostik- und Therapiestrategien. Dazu kommen noch die im Medizinstudium bekannten Grundfächer. Die Osteopathen sind durch ihre Verpflichtung wenigstens eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben, eng mit den deutschen und ausländischen Universitäten verbunden

 
     
 

Osteopathische Diagnosestellung und Behandlung

 
     
 

Diagnostik und Therapie verzichten auf invasiven Maßnahmen und beschränken sich auf den Einsatz der Hände. Die Osteopathie hat ,,Hunderte" von Techniken, mit denen sie sich der Individualität des Patienten anpassen kann. Aber Einzeltechniken machen noch keinen guten Osteopathen aus. Das Wichtigste ist, den Menschen mit seiner individuellen Anatomie und Physiologie durch osteopathische Diagnostik möglichst komplett zu begreifen.


Wenn die Funktion oder die Normalität von Bewegung erlernt und dann auch erkannt wird, kann man auch Disfunktionen, sprich Funktionsstörungen dieser normalen Bewegungen feststellen. Beispielsweise die Schädelanatomie ist sehr komplex. Wie viel Zeit braucht ein Neurochirurg, um mit genauen Neuroanatomiekenntnissen zu guten chirurgischen Ergebnissen zu kommen. Auch der Osteopath braucht ähnlich gute Kenntnisse von der Schädelanatomie.

 
     
 

(Be-)Handlungs-Beweis:


Osteopathie spricht Menschen mit klarem und sachlichem Verstand an:

Menschen, die der Anatomie und Physiologie nicht müde werden auf der Suche nach Krankheitsursachen. Ein Osteopath beantwortet sich seine Fragen, indem er bereit ist zu lernen und zu forschen. Er beweist das Gesagte durch seine (Be-)Handlungen.

Dr. Andrew Still

 
     
     
 

Unterschied Osteopathie und Chirotherapie

 
     
 

Auch in den USA gibt es diese Zweitei­lung. Chiropraktik ist eine 3jährige Ausbildung mit Abschluß D.C. (doctor of chiro­practic) und Osteopathie ist 6jährig mit Abschluß D.O. (doctor of osteopathy). Die Chirotherapie ist ein Teilgebiet der Osteopathie. Die Chirotherapeuten ,,arbeiten" mehr an der Wirbelsäule und decken z.B. Bewe­gungsverluste in den Facettengelenken der Wirbelsäule auf. Dies ist dann die chiro­therapeutische, wie auch osteopathische Dysfunktion. In der Osteopathie diagnostiziert man nicht nur die Wirbelsäule, sondern beispielsweise auch die visceralen Organe, aber ,auch den gesamten Schädel. Es geht auch hier, wie bereits aus der Chirotherapie bekannt, um das Aufdecken von Bewegungsverlust.


Über ein diffiziles diagnostisches Vorge­hen schafft sich der Osteopath ein drei­dimensionales Bild von der ,,Struktur" des ganzen Patienten, also auch in Bereichen der Organe. Um allerdings Bewegungsverlust von Or­ganen aufdecken zu können, braucht man beispielsweise Kenntnisse aus der Embryologie. Es gibt Bewegungen der Organe durch die Atmung (z.B. Lungenatmung, wie auch die Embryologie Ur-Bewegung (der Weg der Entstehung) einen Einfluss hat.In der Osteopathie wird versucht, die Gesamtheit aller Bewegungsverluste aufzudecken, eine Wertigkeit zwischen ihnen herzustellen und sie danach aufzulösen.

 
     
     
 

Spezialfall Osteopathie für Säuglinge und Kinder

 
     
 

Sie sind wichtige osteopathische Patienten. Sie haben nach den Geburten oft Bewegungseinschränkungen im Schädelbereich. Insbesondere, wenn es um Eingriffe wie Zangengeburt oder ähnliches geht. Die weichen Schädelknochen brauchen ein viel sanfteres Vorgehen des Therapeuten und dieser sollte daher eine langjährige Erfahrung mit Kindern nachweisen können. Kinderbehandlungen zeichnen sich durch Behandlungserfolg nach nur wenigen Behandlungen aus. Dagegen brauchen schwierige und ältere Patienten, wie bei anderen Behandlungsverfahren auch, eher einen längeren Behandlungszeitraum.

 
     
     
 

Fallbeispiele

 
     
 

Ein sechs Monate altes Kind kommt in die Praxis. Es kann nur auf einer Seite liegen. Die Eltern haben seit sechs Monaten fast keine Nacht durchschlafen können, weil das Kind mehrmals nachts aufwacht und schreit. Die ganze Familie ist mit den Nerven am Ende. Es stellt sich raus, die Geburt war extrem schnell (noch nicht einmal irgendwelche massiven gynäkologischen Eingriffe wie Zange und ähnliches). Meist können sich dann die Schädelknochen der Schädelbasis nicht schnell genug an die wechselnden Beckendiameter anpassen und es kommt zu Bewegungseinschränkungen z.B. zwischen Hinterhauptsknochen und Schläfenbeinknochen. Der Schädel zeigt eine asymmetrische Form und das Kind findet es angenehmer, nur auf einer Seite zu liegen. Wir kennen diese Symptomatik in der Orthopädie meist als sog. KISS Syndrom und wissen bisher nicht, warum die Kinder so reagieren. Dies kann mit der Osteopathie aufgeklärt werden. Durch die Minderbeweglichkeiten einiger Schädelnähte kommt es auch zur Blockierung der Halswirbelsäule, die dann der Chirotherapeut versucht zu lösen. Der Osteopath würde gezielter an die primäre Bewegungseinschränkung herangehen und die Schädelfixation mit sehr weicher vorsichtiger Technik auflösen und damit verschwindet sofort auch die sekundäre kompensatorische Funktionsstörung. Das Kind bekommt nach ca. 3 - 5 Behandlungen wieder einen mehr symmetrischen Schä­del und hält seinen Kopf wieder gerade. Seine Bauchprobleme sind mit Entlastung des Nervus vagus (Nerv der die Eingeweide versorgt) verschwunden, zunehmend stellt sich auch die Nachtruhe für die Eltern wieder ein.


Ein Kind, sieben Jahre, kommt mit bis­heriger Diagnose Spannungskopfschmerz und untypischer Migräne. Es hat diese Kopfschmerzen seit dem 3. Lebensjahr. Es wird immer schlimmer und seit der Einschulung fallen erhebliche Konzentrationsprobleme auf. Das Kind ist mit 1,5 Jahren vom Wickeltisch gefallen und hatte eine Gehirnerschütterung, wie genaues Nachfragen ergab. Osteopathisch findet sich eine Bewe­gungseinschränkung zwischen dem Hinterhauptknochen und dem Keilbeinknochen sowie noch weitere kleine Bewegungseinschränkungen. Diese werden sanft gelöst und die Kopf­schmerzen sind bleibend verschwunden. Auch die Konzentrationsstörungen können sich durch Aktivierung der Selbstheilungskräfte des ganzen Körpers deutlich verbessern.


(Lit: Lamberts A: Konzentrationsverbesserungen bei Kindern nach osteopathischer Behandlung. Erfahrungsheilkunde, vermutlich 3/03 veröffentlicht)

Eine Frau, 56 Jahre, kommt mit massiven Rückenschmerzen seit 20 Jahren. Diese sind bisher durch keine orthopädisch­schmerztherapeutischen Maßnahmen zu behandeln gewesen. Es helfen auch kei­ne Schmerzmittel richtig. Vor 22 Jahren ist bei der Patientin eine Entfernung der Gebärmutter durchgeführt worden. In der Kindheit ist sie mehrfach beim Schlittschuhlaufen aufs Gesäß gefallen. Der Osteopath findet eine völlige Fehlstellung des gesamten Beckens, insbesondere des Steißbeins. Dies hat seine Bewegungsmöglichkeit komplett verloren. Aber auch eine chirotherapeutische Mobilisation brachte keine anhaltende Besserung der Beschwerden. Erst das Aufdecken der fehlenden Beweglichkeit in der Nierenloge und deren Behandlung brachte den Erfolg für den Therapeuten und die Schmerzfreiheit für die Patientin. Die Patientin hat durch ihre bleibende Nierenkonstitution zwar zeitweise Rezidive, aber dies nicht mehr als 1x im Jahr.

 
     
     
 

Schlußbemerkungen

 
     
 

Die Osteopathie gewinnt auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung – auch in der Vorbeugung , weil sie frühzeitig funktionelle Erkrankungen aufdecken und eine Manifestation und Chronizität verhindern kann. Besonders wichtig ist sie bei der Behandlung von Säuglingen und Kindern. Eine noch engere Zusammenarbeit mit Kinderärzten und auch Hebammen ist dringend notwendig - und erfolgt auch. Wir sollten in Deutschland die Osteopathie - ähnlich wie in den USA - als sinnvolle Ergänzung unserer Therapiemöglichkeiten nutzen.


Literatur bei der Verfasserin


Anschrift der Verfasserin:


Dr med. Andrea Lamberts D. 0.


Fuhsestr 36


29221 Celle


ärzteblatt 12/2002